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vom Hohen Meißner

Märchen der Frau Holle
Brüder Grimm & Ursprungsversion

Frau Holle
von den Brüdern Grimm


Bereits um 1816 schrieb Jacob Grimm in einem Brief: "Die Sagen vom Meißner haben wir, denk ich... und die Frau Holla ist zumal thüringisch und hessisch." Quelle: Stadtarchiv Witzenhause


Eine Witwe hatte zwei Töchter, davon war die eine schön und fleißig, die andere häßlich und faul. Sie hatte aber die häßliche und faule, weil sie ihre rechte Tochter war, viel lieber, und die andere mußte alle Arbeit tun und das Aschenputtel im Hause sein. Das arme Mädchen mußte sich täglich auf die große Straße bei einem Brunnen setzen und musste so viel spinnen, daß ihr das Blut aus den Fingern sprang.

Nun trug es sich zu, daß die Spule einmal ganz blutig war, da bückte es sich damit in den Brunnen und wollte sie abwaschen; sie sprang ihm aber aus der Hand und fiel hinab. Es weinte, lief zur Stiefmutter und erzählte ihr das Unglück. Sie schalt es aber so heftig und war so unbarmherzig, daß sie sprach:

„Hast du die Spule hinunterfallen lassen, so hol sie auch wieder herauf. „

Da ging das Mädchen zu dem Brunnen zurück und wußte nicht, was es anfangen sollte; und in seiner Herzensangst sprang es in den Brunnen hinein, um die Spule zu holen. Es verlor die Besinnung, und als es erwachte und wieder zu sich selber kam, war es auf einer schönen Wiese, wo die Sonne schien und vieltausend Blumen standen. Auf dieser Wiese ging es fort und kam zu einem Backofen, der war voller Brot; das Brot aber rief:

„Ach, zieh mich raus, zieh mich raus, sonst verbrenn ich: ich bin schon längst ausgebacken.“

Da trat es herzu und holte mit dem Brotschieber alles nacheinander heraus.

Danach ging es weiter und kam zu einem Baum, der hing voll Äpfel, und rief ihr zu:

„Ach, schüttel mich, schüttel mich, wir Äpfel sind alle miteinander reif. „

Da schüttelte es den Baum, daß die Äpfel fielen, als regneten sie, und schüttelte, bis keiner mehr oben war; und als es alle in einen Haufen zusammengelegt hatte, ging es wieder weiter. Endlich kam es zu einem kleinen Haus, daraus guckte eine alte Frau, weil sie aber so große Zähne hatte, ward ihm angst, und es wollte fortlaufen.

Die alte Frau aber rief ihm nach:

„Was fürchtest du dich, liebes Kind? Bleib bei mir, wenn du alle Arbeit im Hause ordentlich tun willst, so soll dir’s gut gehn. Du mußt nur achtgeben, daß du mein Bett gut machst und es fleißig aufschüttelst, daß die Federn fliegen, dann schneit es in der Welt; ich bin die Frau Holle.“

Weil die Alte ihm so gut zusprach, so faßte sich das Mädchen ein Herz, willigte ein und begab sich in ihren Dienst. Es besorgte auch alles nach ihrer Zufriedenheit und schüttelte ihr das Bett immer gewaltig, auf daß die Federn wie Schneeflocken umherflogen; dafür hatte es auch ein gut Leben bei ihr, kein böses Wort und alle Tage Gesottenes und Gebratenes.

Nun war es eine Zeitlang bei der Frau Holle, da ward es traurig und wußte anfangs selbst nicht, was ihm fehlte. Endlich merkte es, daß es Heimweh war; ob es ihm hier gleich vieltausendmal besser ging als zu Haus, so hatte es doch ein Verlangen dahin. Endlich sagte es zu ihr:

„Ich habe den Jammer nach Haus kriegt, und wenn es mir auch noch so gut hier unten geht, so kann ich doch nicht länger bleiben, ich muß wieder hinauf zu den Meinigen.“

Die Frau Holle sagte:

„Es gefällt mir, daß du wieder nach Haus verlangst, und weil du mir so treu gedient hast, so will ich dich selbst wieder hinaufbringen.“

Sie nahm es darauf bei der Hand und führte es vor ein großes Tor. Das Tor ward aufgetan, und wie das Mädchen gerade darunterstand, fiel ein gewaltiger Goldregen, und alles Gold blieb an ihm hängen, so daß es über und über davon bedeckt war.

„Das sollst du haben, weil du so fleißig gewesen bist“,

sprach die Frau Holle und gab ihm auch die Spule wieder, die ihm in den Brunnen gefallen war. Darauf ward das Tor verschlossen, und das Mädchen befand sich oben auf der Welt, nicht weit von seiner Mutter Haus; und als es in den Hof kam, saß der Hahn auf dem Brunnen und rief:

„Kikeriki, unsere goldene Jungfrau ist wieder hie.“

Da ging es hinein zu seiner Mutter, und weil es so mit Gold bedeckt ankam, ward es von ihr und der Schwester gut aufgenommen.

Das Mädchen erzählte alles, was ihm begegnet war, und als die Mutter hörte, wie es zu dem großen Reichtum gekommen war, wollte sie der andern, häßlichen und faulen Tochter gerne dasselbe Glück erschaffen. Sie mußte sich an den Brunnen setzen und spinnen; und damit ihre Spule blutig ward, stach sie sich in die Finger und stieß sich die Hand in die Dornhecke. Dann warf sie die Spule in den Brunnen und sprang selber hinein. Sie kam, wie die andere, auf die schöne Wiese und ging auf demselben Pfade weiter. Als sie zu dem Backofen gelangte, schrie das Brot wieder:

„Ach, zieh mich raus, zieh mich raus, sonst verbrenn ich, ich bin schon längst ausgebacken. „

Die Faule aber antwortete: „Da hätt ich Lust, mich schmutzig zu machen!“ und ging fort. Bald kam sie zu dem Apfelbaum, der rief:

„Ach, schüttel mich, schüttel mich, wir Äpfel sind alle miteinander reif. „ Sie antwortete aber: „Du kommst mir recht, es könnte mir einer auf den Kopf fallen!“ und ging damit weiter. Als sie vor der Frau Holle Haus kam, fürchtete sie sich nicht, weil sie von ihren großen Zähnen schon gehört hatte, und verdingte sich gleich zu ihr. Am ersten Tag tat sie sich Gewalt an, war fleißig und folgte der Frau Holle, wenn sie ihr etwas sagte, denn sie dachte an das viele Gold, das sie ihr schenken würde; am zweiten Tag aber fing sie schon an zu faulenzen, am dritten noch mehr, da wollte sie morgens gar nicht aufstehen.

Sie machte auch der Frau Holle das Bett nicht, wie sich’s gebührte, und schüttelte es nicht, daß die Federn aufflogen. Das ward die Frau Hohe bald müde und sagte ihr den Dienst auf.

Die Faule war das wohl zufrieden und meinte, nun würde der Goldregen kommen. Die Frau Holle führte sie auch zu dem Tor, als sie aber darunterstand, ward statt des Goldes ein großer Kessel voll Pech ausgeschüttet.

„Das ist zur Belohnung deiner Dienste“ , sagte die Frau Holle und schloß das Tor zu. Da kam die Faule heim, aber sie war ganz mit Pech bedeckt, und der Hahn auf dem Brunnen, als er sie sah, rief:

„Kikeriki, unsere schmutzige Jungfrau ist wieder hie.“

Das Pech aber blieb fest an ihr hängen und wollte, solange sie lebte, nicht abgehen.


Ursprung und Überdichtung
"Kaum waren die "Deutschen Sagen" der Gebrüder Grimm erschienen, da bemächtigte sich schon die Fantasie des Themenkreises um Frau Holle. 1819 erschien die erste Auflage von Karl Christoph Schmieders Märchenbüchlein, das seitdem mit seinen freien Erfindungen die die alte Überlieferung überprägt hat. Schon Julius Schmincke erregte sich 1847 über das Machwerk, und wiederholte seine Kritik wenige Jahre später in seiner Eschweger Stadtgeschichte."
Quelle: Karl Kollmann, Das Werraland

So wurde bei der ursprünglichen Überlieferung durch Karl C. Schmieders wie folgt zum Scherz hinzu gedichtet:
Die Herkunft der Frau Holle, daß sie als Martha, die Tochter vom Bauer Diede in Duderodt war. Ebenso, alles über den Burschen Holle. Hinzu kamen dann noch das Märchen von der Katze die zu Gold wurde und die Entstehung der Dörfer Rodebach und Germerode.

Im Laufe der Generationen ist die ursprüngliche Geschichte mit der Version von Karl C. Schmieders so verschmolzen, dass wir sie heute nicht mehr richtig zu trennen vermögen.

Ursprungsmärchen inklusive
Veränderungen von Karl C. Schmieders:

Zur Zeit Pipins von Heristall wohnte am Hohen Meißner im Dorfe Dudenrode ein Freisasse, welcher Diese genannt wurde. Er hatte eine wunderschöne Tochter, und diese wurde von den Männern nur so umschwärmt. Sie wollte nur einen, den starken Holle, und den heiratete sie dann auch. Sie war als Ehefrau ein Musterbeispiel in ihrer unermüdlichen Sorgfalt, Haus und Hof in Ordnung zu halten. Doch Herr Holle dachte nicht daran, seiner Frau zur Hand zu gehen. Er lag lieber faul auf der Haut. Er verbrachte immer mehr Zeit im Wirtshaus, fing an zu spielen und verspielte Haus und Hof. Nachdem er nichts mehr zu setzen hatte, setzte er sich selbst. Er verlor und mußte als Knecht mit dem Fremden mitgehen.
Somit stand unsere Frau Holle quasi auf der Straße. Alles was ihr blieb, waren einige Schafe und Hühner, denn diese waren ihr Eigentum. So ging sie in das öde Gebirge und versteckte sich im Gebüsch. Bald kümmerte sich niemand mehr um sie, und es wurde geglaubt, sie sei an ihrem Kummer gestorben. Doch es war nicht so.

Sie lebte im Gebirge mit Ihren Schafen und Hühnern und zog täglich um den Meißner. Im Sommer war das ja auch in Ordnung, nur im Herbst mußte sie für ein warmes Plätzchen für Ihre Tiere und sich selbst sorgen. Aus heiterem Himmel stand auf einmal ein Schafstall auf einem Anger. Es war alles vorhanden an Winterfutter und Stroh, nur das Wasser fehlte. Sie erinnerte sich an einen Teich, der sich in der Nähe befand. Dort ging sie hin, um ihre Tiere zu tränken. Als sie am Rand des Teiches angekommen war, stieg aus ihm eine weiße Gestalt. Sie sagte: "Ich bin Holda, die Herrin der Erde. Ich bin vom hohen Norden herabgekommen, um diesen Teil meines Reiches zu besuchen. Ich habe dich beobachtet und Gefallen an dir gefunden. Deshalb habe ich dich erwählt, hier meine Stelle zu vertreten, denn ich kehre jetzt zu meinem Herrschsitz zurück. Nimm diese Glocke zu dir. Diese besitzt Wunderkräfte und wenn du sie läutetest, so gehorchen dir die kleinen Geister in Wasser, Feuer, Luft und Erde. Jeder Wunsch wird dir erfüllt werden. Ich schenke dir diesen Berg, den Meißnerberg, als dein Eigentum. Willst du ihn verlassen, so gib mir die Glocke zurück und wirf sie in den Brunnen, der in der Mitte dieses Teiches hinabgeht." Holda gab ihr noch ein Haus, und alles in ihrem Haushalt erledigte sich von selbst. Somit hatte Frau Holle Zeit, die Stelle Holdas zu vertreten. Sie wandelte um den Meißner und brachte den Menschen Segen.

So fehlte es der Frau Holle an nichts. Sie hatte auf ihrem Berge Gewalt über alles, auch über die Menschen. Den Guten und Fleißigen half sie, den Faulen und Schlechten schadete sie. Besonders nahm sie sich der armen Frauen an, die böse oder faule Männer hatten. Die bösen Männer neckte und plagte sie auf alle Weise. Die viel tranken, verwandelte sie in Kälber und ließ sie Gras fressen. Die Bergwiese wo sie geweidet haben, heißt noch heute die "Kalbe". Viele Leute, denen es schlecht ging, kamen zur Holle. Unfruchtbare Frauen nahm sie in Schutz, führte sie zu ihrem Teich und wusch sie mit heiligen Wasser. Bald stellte sich auch der Kindersegen ein. Auch den armen Dirnen half sie. Viele darunter aber waren eitel und putzsüchtig. Jede wollte die Schönste sein, und es gab viel Neid und Streit unter ihnen. Als Frau Holle eines Tages nach Hause kam, war der große Lärm daheim. Da wurde sie zornig, schüttelte ihre Zauberglocke und sogleich waren die Mädchen in Katzen verwandelt. Die wurden in eine felsige Höhle auf der Abendseite des Berges verbannt. Diese Höhle heißt jetzt noch die Kitzkammer. Von da aus mussten sich die Katzen über den ganzen Berg verteilen und der Frau Holle dienen. Den guten Wanderern mussten sie den Weg weisen, die bösen aber in die Irre führen.

Eine solche Katze hat einem Manne und seiner Familie viel Glück gebracht. Der Mann hieß Germar und wohnt in Reichenbach. Er war ohne Schuld in große Not geraten und musste vom Nachbarn Geld borgen. Weil er nicht zahlen konnte, ließ ihm der Nachbar Haus und Gut verkaufen. Da musste er ausziehen und mit Weib und Kindern fortwandern. Sie kamen zu einem Felsen, der von da ab "Segenstein" heißt. Da erschien ihnen eine holde Frau, die bewirtete sie reichlich, ließ die Armen lagern auf der Segenwiese, kochte ihnen eine kräftige Suppe in einem Wundertopf, holte Eier und Milch herbei und zeigte den Knaben einen Busch, wo die schönsten Haselnüsse wuchsen. Dann gab sie ihnen eine Katze mit, die sollte ihnen den Weg zeigen nach Hause. Dort wollte Germar sich niederlassen. Unterwegs aber wurde die Katze ganz matt. Germar nahm sie auf den Arm. Aber sie wurde schwerer und schwerer, und als Germar genau zusah, hielt er einen Katzenbalg voll Gold und Silber im Arm. Von dem vielen Geld baute Germar ein schönes Haus auf einem schönen Platze, und so ist Germerode entstanden, eines der besten Dörfer am Meißner.

So hatte Frau Holle schon lange, lange Jahre auf dem Meißner gewaltet. Die einen priesen sie als echte Holda, die anderen schalten sie als böse Hexe. Besonders die Faulen und schlechten erzählten weit und breit von dem Hexenspuk auf dem Meißner. Die gute Frau Holle, die Holde wurde ein Unholdin. Darum wollte auch niemand mehr über den Berg gehen. Auch ein frommer Einsiedler namens Bernhard hatte am fernen Rhein viel von dem Teufelsspuk am Meißner gehört. Er war selbst aus dem Hessenlande gebürtig, und er machte sich auf, um die bösen Geister zu bannen. Zuerst kam er nach Germerode. Hier erzählte ihm Germar viel Gutes von Frau Holle. Bernhard aber tat doch, was er sich vorgenommen hatte. Er stellte sich unter eine dicke Buche, rief einen Bannspruch in den Wald hinein und verbot darin den bösen Geistern, noch länger Zauberei zu treiben. Feierliche Stille folgte seinen Worten. Aber plötzlich vernahm er den sanften Klang einer Stimme, die vom Weinbusch herübertönte. Es war die seines Weibes, das er einst so elend gemacht hatte. Bernhard war nämlich Holle. Er hatte sich gebessert und war ein Heidenbekehrer geworden. Seine Frau hielt ihm alle seine Sünden vor und verfluchte ihn. Er aber bat sie herzlich um Vergebung. Dann predigte er ihr von Jesus Christus, der die Menschen von den Sünden erlöst hat, und bat sie, abzulassen vom Götzendienst und von der Zauberei.

Da versöhnte sie sich endlich mit ihm, warf die Zauberglocke in den Hollenteich, wurde Christin und ließ sich als Martha taufen. Als sie vom Berg herab stieg löste sich der Zauber und alle Bezauberten bekamen ihr früheres Aussehen wieder.

Die Dirnen kamen vom Berg herunter zu Martha, sie nahm sie alle wieder auf und gründete mit ihnen das Nonnenkloster Germerode. Die Männer schlossen sich Bernhard an und gründeten ein Mönchskloster.

Noch jetzt lebt der Geist der Frau Holle im Hollenteich. Zuweilen kann man sie um die Mittagsstunde in dem Teiche baden sehen. Bald zeigte sie sich als eine schöne weiße Frau in der Mitte des Teiches, bald ist sie unsichtbar, und man hört bloß aus der Tiefe ein Glockenleuten und finsteres Rauschen. Das Volk erzählt von ihr vielerlei Gutes und Böses. Weiber, die zu ihr in den Brunnen steigen, macht sie gesund. Aus ihrem Brunnen stammen die neugeborenen Kinder, und sie trägt sie daraus hervor. Blumen, Obst, Kuchen, das sie unten im Teiche hat, und was in ihrem unvergleichlichen Garten wächst, teilt sie denen aus, die ihr begegnen oder ihr zu gefallen wissen. Sie ist sehr ordentlich und hält auf guten Haushalt. Faule Spinnerinnen straft sie, indem sie ihnen den Rock besudelt, das Garn wirrt oder den Flachs anzündet. Jungfrauen aber, die fleißig abspinnen, schenkt sie Spindeln und spinnt selber für sie über Nacht, dass die Spulen des Morgens voll sind. Faulenzerinnen zieht sie die Bettdecke ab. Fleißige, die schon frühen morgens Wasser zur Küche tragen in reingescheuerten Eimern, finden Geld darin. Gern sieht sie Kinder in ihrem Teich. Die guten macht sie zu Glückskindern die bösen zu Wechselbälgen. Jedes Jahr geht sie im Lande um und verleiht den Äckern Fruchtbarkeit. Aber sie erschreckt auch die Leute, wenn sie durch den Wald fährt an der Spitze des wütenden Heeres. Oft erscheint sie auch als tückisch oder neckend, indem sie den Menschen, besonders den Weibern, dass Haar verwirrt und zerzaust. Darum heißen die mit verworrenen Haaren "Hollerkopf", und die Leute sagen: Dein Haar ist "hollerisch" oder "verhollert".