Deutschlandradio Kultur |
![]()
Frau-Holle-Land
Von Moritz Wissel
Von Altenberg machte sich Moritz Wissel auf nach Witzenhausen. Dort, so erfuhr er. wurde ein Quietscheentchen-Rennen auf der Werra wie ein "kleines Volksfest" gefeiert. Die private Initiative wandelte sich flugs ein Anliegen der Stadtoberen, die nun Schiffchen in einer Vollzugsanstalt fertigen ließen und selbige ins Rennen schickten. Die nun wurden von hunderten gelben Badeentchen überholt, die der einst private Initiator etwas weiter flussaufwärts heimlich zu Wasser ließ und damit ins Rennen schickte. Die Presse feixte, der Privatmann rieb sich die Hände und Moritz Wissel war im Bild - da im Frau-Holle-Land unweit von Kassel gelegen.
Wolfgang Dovidat: "Willkommen im Märchen. Recht herzlich willkommen im Reich der Kirschenkönigin und im Land der Hollefrauen."
Wolfgang Dovidat zündet am helllichten Tag am Stehtisch im Hof seiner Hotelanlage eine Kerze an, und redet zehn Minuten ohne Pause über ein Thema, mit dem er sich schon seit geraumer Zeit beschäftigt.
Wolfgang Dovidat: " Im Land der Hollefrauen? Sie meinen, das heißt im Land der Frau Holle? Nein, ich hab mich nicht versprochen - im Land der Hollefrauen, denn vom heutigen Thüringen bis nach Niedersachsen gab es überall Hollefrauen."
Wir befinden uns in Nordhessen, an einem Ort im Werra-Meißner Kreis, ziemlich genau zwischen Kassel und Göttingen.
Wolfgang Dovidat: "Wenn sie krank waren, dann haben sie eine Frau Holle gerufen und die Frau Holle hat mit den Kräutern des Waldes sie geheilt. Wenn das Vieh krank war, kam die Frau Holle, und die Frau Holle hat auch das Vieh geheilt."
Der selbsternannte 'Konsul' des 'Frau-Holle-Landes' ist Anfang 60 und trägt zu seinem freundlichen Gesicht mit hoher Stirn und silbergrauem Haar ein dunkles Hemd mit einem bunten Wappen auf der Brust.
Wolfgang Dovidat: "Und die Frau Holle wurde gerufen, wenn ein Kind geboren wurde, denn sie war Hebamme. Und darum bin ich im Frau-Holle-Teich geboren - wie wir hier alle. So haben es uns unsere Großeltern und Urgroßeltern erzählt."
Herr Dovidat hat die Geschichte der Hollefrauen erforscht, die es einst in fast jedem Dorf gab und bezeichnet sich selbst als 'Touristiker' - ein Touristiker, der mit viel Phantasie unbeirrt Tourismus-Konzepte wie das Amt der Kirschkönigin oder Quietscheentchen-Rennen erdacht, realisiert, und sogar patentiert hat. Wenn am Bahnhof die Gäste mit dem Zusatzschild Frau-Holle-Land empfangen werden, sei man einen Schritt weiter. Er setzt nun bei der Werbung für die Region ganz auf Frau Holle, und ist der Meinung, ihre Bedeutung werde unterschätzt.
Wolfgang Dovidat: "Und die Frau Holle war etwas Weiteres: Sie war Priesterin. Und sie hat eine Göttin angebetet, im Namen des Volkes, und diese Göttin hieß Freya. Freya war die Göttin der liebe, der Schönheit und der Fruchtbarkeit."
Wolfgang Dovidat erklärt alle möglichen Zusammenhänge zwischen den Märchen der Brüder Grimm und den Mythen alter Germanischer Sagen. Er erzählt von den radikalen Methoden der Christianisierung vor Ort im 8. Jahrhundert. Der heidnische Götterkult wurde absolut verboten.
Wolfgang Dovidat: "Da kam der Bonifazius her und 20 Jahre hat er festgestellt: 'Hallo, hier oben im nordhessischen Bereich, da wird ja immer noch jemand angebetet."
Für den Hobbyhistoriker waren die Hollefrauen damit betraut in einer Kultur, in der es keine Schriftsprache gab, Riten und Religion in Sicherheit zu bringen und zu bewahren. Dovidat vermutet, dass sie sich immer mehr zurückzogen, dass sie von der Kirche zum Teil als Hexen gebranntmarkt wurden und in die Peripherie gingen - in örtliche Wälder und Höhlen. Pechmarie und Goldmarie aus dem Holle-Märchen sind für ihn Beispiele für junge Anwärterinnen auf diesen Job.
Wolfgang Dovidat: "Und da die Ausbildung 20 Jahre dauerte, wurden sie erst einmal geprüft: Ob sie denn das Brot aus dem Ofen holen, wenn's braun ist? Ob sie denn sie Äpfel vom Baum pflücken, wenn sie reif sind? Und nicht erst warten, bis die runterfallen. Ob sie denn den Haushalt ..."
Wolfgang Dovidat: "Wir wollten an und für sich einen Wanderführer über den Meißner schreiben, für unsere Gäste. Das ist ungefähr fünf bis sechs Jahre her. Und wir hatten eine Generalstabskarte dabei, vom Landesvermessungsamt hier, und da stand drin 'ein Altarstein'. Und den wollten wir finden. Der war nicht zu finden - es gibt auch keinen weg dahin, bis Heute nicht - und sind plötzlich über eine Anlage gestolpert, die so unglaublich war. Sie ist tatsächlich eine Art freie Tempelanlage. Und wir haben auch hier verschiedene Altäre - und das spannende ist, man kann das alles sehen ... es wird sie niemand alleine finden."
Gut, dass Herr Dovidat dabei ist. Gästen aus ganz Deutschland bietet er stundenlange Frau-Holle-Touren an. Und einen Frau-Holle-Teich gibt es wirklich. Der mögliche Zugang zur Anderswelt liegt ruhig am Waldrand in der Nähe eines Wanderparkplatzes am hohen Meißner.
Von hier aus geht es abseits der markierten Wanderwege bergauf durch den Wald. Etwa solange, wie Rotkäppchen zum Haus der Großmutter brauchte... Und es wird etwas unheimlich. Einigen Gästen versagten hier angeblich die Kameras, zeitweise hören hier anscheinend die Vögel auf zu singen
Wolfgang Dovidat: "Hier gibt es tausende Vögel im Wald!"
Kurzzeitig scheint auch etwas mit dem Aufnahmegerät nicht in Ordnung ...
Gruseln gehört dazu in den Märchen, nicht erst seit dem Film "Blair Witch Project" von vor zehn Jahren.
Hier liegt Dovidats Avalon, zugleich Ausbildungsstätte der Hollefrauen.
Wieder eine Spur. Schließlich mussten auch Goldmarie und Pechmarie eine Ausbildung bei Frau Holle absolvieren.
Es ist ein verwaistes, etwa fußballfeldgroßes Plateau mit wildem Grass bewachsen, mitten in einem durch ein grünes Warndreieck gekennzeichneten 'Bannwald'.
Hier waren angeblich auch schon die Grimms, haben sich inspirieren- und ebenfalls den Altarstein am Steilhang zeigen lassen. Man muss etwas klettern, um das Heiligtum aus aufgetürmten Steinplatten zu bewundern. Auf Ihm liegen kleine Opfergaben oder Devotionalien, ein Glasperlenherz, ein Paar Centstücke und ein winziger Marmorkelch. Es gibt wohl doch noch jemanden, der den Weg hierher kennt.
Der Meißner birgt viele Geheimnisse - der deutsche und der amerikanische Geheimdienst unterhielten hier bis vor kurzem sogar separate Anlagen, und manches mag wie verhext erscheinen - wie zum Beispiel der drastische Rückgang der Einwohnerzahl in der Region, die auch touristisch vergleichsweise unterbelichtet ist.
Grundsätzlich geht es darum, in einer Region, in der nichts los ist, was los zu machen und die Betten aufzuschütteln ... Und vielleicht bleibt so der eine oder andere Tagesgast über Nacht.
Zuletzt geändert am: 03.07.2010 um 14:26
Zurück